Introversion

Eine introvertierte Hochsensible erzählt:
Morgen ist das große Treffen mit dem Freundeskreis meines Mannes. Partner und Kinder inklusive. Was heißt das für mich? Freude und gleichzeitig Zähne zusammenbeißen, es findet ja nicht oft statt. Wie beim letzten Mal wird es bunt, lebendig und wuselig werden – auch schön, aber das Andere wird wieder überwiegen. Gespräche mit 10 Personen gleichzeitig, was machst du, was macht ihr? Wie geht’s euch? Gesellschaftliche und politische Themen. Für mich zu viel. Viel zu viel und gleichzeitig zu wenig, viel zu wenig. Mich interessiert der Einzelne! Jeder Einzelne! Könnte ich wählen, so würde ich mich mit allen über das Jahr verteilt einzeln treffen und tiefgründige Gespräche führen. Mich interessieren die Gedanken, Gefühle und Meinungen von Menschen. In der Gruppe jedoch geht für mich vieles verloren und ist Intensivität nicht möglich. Ich bin (mit kleinen Erholungspausen abseits von allen) dabei, still, zurückhaltend, beobachtend, auch mit Freude und am Ende ziemlich platt 🙂

 

Ein großer Teil der hochsensiblen Menschen ist introvertiert. Introvertierte schöpfen neue Kraft aus ruhigen Situationen, wie bei Spaziergängen in der Natur, ruhigen Aktivitäten zu Hause oder in Zweisamkeit mit einer/m engen Freund*in. Sie brauchen Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Viele Unternehmungen und Menschen kosten Introvertierte Kraft und werden eher gemieden. In größeren Gruppen halten sie sich zurück. Sie beobachten vielmehr still, ruhig und zurückhaltend das Geschehen, als sich einzubringen.

Nicht zu verwechseln ist die Wesensart der Introversion mit einer Schüchternheit. Als schüchtern gelten Menschen, die neuen Kontakten ängstlich und verunsichert gegenüberstehen. Nicht alle Introvertierten sind jedoch gleichzeitig schüchtern. Sie fühlen sich zwar in großen Gruppen nicht unbedingt wohl, haben aber keine Scheu, sich mit dem unbekannten Nebenmann zu unterhalten. Dennoch gibt es selbstverständlich auch schüchterne Introvertierte.

Viele Introvertierte können ihre Introversion nur schwer annehmen. Sie haben oft das Gefühl und den Wunsch, sich in Gruppen mehr einzubringen, sie wollen genauso schlagfertig, laut und lustig sein. Doch eine Wesensart lässt sich nicht verändern. Genau wie bei der Hochsensibilität geht es um die Annahme seiner selbst. Sind nicht Bescheidenheit, Hingabe, Tiefgründigkeit, Konzentration und Entschlossenheit wertzuschätzende Qualitäten? In Asien auf jeden Fall und in unserer Gesellschaft ganz sicher auch!