Ein Einblick in die Gedanken eines Vielbegabten:

Was habe ich denn heute vor? An meinem Roman weiterschreiben, ebenso an meiner Hausarbeit für mein zweites Studium, um 14:00 Uhr habe ich einen Klienten, dann muss ich noch die Reise vorbereiten, die ich als Reiseleiter durchführe, mit den Hunden rausgehen, das spannende Buch über Mythen weiterlesen und abends bin ich zum Salsa tanzen verabredet. Puh! Mal wieder ein voller Tag! Hoffentlich klappt es heute besser mich zu organisieren. Daran muss ich auch mal arbeiten. Wie schaffe ich es denn, dass ich mich besser diszipliniere? Das kann doch nicht so schwer sein. Oder sollte ich ein paar meiner Interessen streichen? Aber damit geht es mir auch nicht gut. Mich interessiert eben das alles…

Kennst du das auch?

Du interessierst dich immer wieder aufs Neue für viele verschiedene Themen und möchtest sie am liebsten alle gleichzeitig erforschen? Du hast einige Talente und weißt nicht, welches dieser Talente du zu deinem Beruf machen sollst? Du bist kreativ und kreierst in deinem Kopf verschiedenste Projekte? Du verzettelst dich leicht, weil du bei all den Themen den roten Faden verlierst? Der Tag mit seinen 24 Stunden reicht nicht aus, um deine Kreativität zu leben und dich mit all dem zu beschäftigen, was dich gerade interessiert?

Dann gehörst du vielleicht auch zu dem Personenkreis der Vielbegabten, auch Scanner-Persönlichkeiten oder Multitalente genannt. Barbara Sher beschreibt 2008 in ihrem Buch Du musst dich nicht entscheiden, wenn du 1000 Träume hast erstmals den Personenkreis der Vielbegabten und führt den Begriff der Scanner-Persönlichkeit ein. Der Titel des Buches verrät, worauf die Autorin hinaus möchte: Vielbegabte Menschen sollen lernen, ihr Wesen anzunehmen (wenn sie es nicht schon tun) und sich trauen ihre Vielfältigkeit zu leben und sich wertzuschätzen, unabhängig davon, was die Gesellschaft oder ihr Umfeld möglicherweise vermitteln.

Denn Vielfältigkeit wird manchmal mit Sprunghaftigkeit oder Oberflächlichkeit in Verbindung gebracht und dadurch abgewertet. In frühester Kindheit wurde vielleicht die Erfahrung gemacht, dass man angehalten wurde, sich lieber nur mit einem Thema/Hobby zu beschäftigen, an dem man stets dranbleiben muss, um darin gut zu werden. So empfingen vielinteressierte und -begabte Kinder oft sehr früh, dass sie mit ihrem übersprudelnden Geist nicht angenommen oder adäquat bei der Gestaltung ihrer vielschichtigen Interessen organisatorisch und inhaltlich begleitet werden. Häufig haben diese Menschen auch im Erwachsenenalter ihre Schwierigkeiten damit, ihr Wesen anzunehmen und zu leben. Ich muss mich doch endlich mal entscheiden was ich beruflich machen will! Es kann doch nicht so schwer sein sich festzulegen. Aber welches meiner vielen Interessen soll ich denn verfolgen? Wieso fällt es mir so schwer meinen Alltag zu strukturieren? Ich nehme mir Dinge vor und mache zwischendrin tausend andere Sachen und stelle am Abend fest, dass ich mein eigentliches Ziel nicht erreicht habe.

Sich womöglich lebenslang für einen Beruf entscheiden zu müssen, kann für Scanner-Persönlichkeiten ein quälender Gedanke sein und das tut sicher niemandem gut. Vielmehr ist es für den Personenkreis der Multitalente wichtig, sich nicht einzuschränken, sondern einen Weg zu finden, seine Vielfältigkeit bewusst und gerne zu leben. Dabei kann es von Bedeutung sein, an der Lebensvision zu arbeiten und zu lernen sich zu strukturieren, ohne sein Wesen einzuschränken.

Multitalentierte Menschen mit ihren kreativen Gedanken und Ideen, dem vernetzten Denkstil und der Begabung über den Tellerrand schauen zu können, sind ein großer Gewinn für die Gesellschaft, etwa in der in der Wirtschaft, der Politik oder in pädagogischen und kreativen Berufen.

Auch unter den Feinfühligen gibt es einige Multitalente, weshalb ich diesem Wesenszug ein eigenes Kapitel gewidmet habe.